Es gibt Berge, die ein Land besteigt, und es gibt einen Berg, der ein Land geprägt hat. Der Nanga Parbat Schicksalsberg-Mythos sitzt tief in der deutschen Alpingeschichte: 8.126 Meter hoch, der westliche Eckpfeiler des Himalaya, von den Einheimischen Diamir genannt — „König der Berge“. Für eine Generation deutscher Bergsteiger war er schlicht das Schicksal. Sechsundzwanzig Männer starben an ihm, bevor der erste oben stand. Der, der es schaffte, ging allein. Dieser Text erzählt die ganze Geschichte — die Tragödien der Dreißiger, Buhls unfassbaren Gang von 1953, das Messner-Drama von 1970 — und wie Sie heute an den Fuß dieser Wand reisen. Wir schreiben ihn aus Skardu, eine Flugstunde entfernt, wo diese Geschichten Nachbarschaftsgeschichten sind.
Nanga Parbat in den Dreißigern: als der Berg zum Schicksalsberg wurde
Die Beziehung beginnt 1932. Willy Merkl führt die erste deutsch-amerikanische Expedition an die Raikot-Flanke — talentiert, unterfinanziert, und vom Monsun gestoppt. 1934 kehrt Merkl mit der besten deutschen Mannschaft seiner Zeit zurück. Der Aufstieg läuft, der Silbersattel ist erreicht, der Gipfel scheint eine Frage von Tagen. Dann kommt der Sturm. Neun Tage lang zerlegt er die Expedition im Abstieg: Alfred Drexel stirbt früh, dann sterben Uli Wieland und Willo Welzenbach, zuletzt Merkl selbst, gestützt von seinem Träger Gaylay, der bei ihm bleibt, obwohl er sich hätte retten können. Sechs Sherpas sterben mit ihnen. Drei Jahre später, 1937, schlägt der Berg noch härter zu. Eine einzige Eislawine begräbt nachts das Lager IV unter der Raikot-Flanke: sieben deutsche Bergsteiger, neun Sherpas, keine Überlebenden. Bis heute ist es eine der schwersten Katastrophen der Achttausender-Geschichte. 1938 scheitert eine weitere Expedition, 1939 erkundet ein kleines Team die Diamir-Seite — unter ihnen Heinrich Harrer, den der Kriegsausbruch in Indien in die Internierung und später nach Tibet führt. Bilanz vor dem ersten Erfolg: 26 Tote. So entstand der Name Schicksalsberg.

1953: Hermann Buhl geht allein
Am 3. Juli 1953, fünf Wochen nach der Erstbesteigung des Everest, steht der Innsbrucker Hermann Buhl allein auf dem Gipfel des Nanga Parbat. Die Umstände sind bis heute kaum zu glauben. Expeditionsleiter Karl Herrligkoffer — Halbbruder des 1934 gestorbenen Merkl — hatte den Gipfelversuch wegen Wetterumschwungs abgeblasen. Buhl ging trotzdem, nachts um halb drei, aus dem letzten Lager. Sein Partner kehrte um; Buhl stieg weiter. Er erreichte den Gipfel um 19 Uhr abends, nach sechzehn Stunden, ohne Flaschensauerstoff. Die Nacht verbrachte er auf dem Abstieg stehend auf einem Felsband, ohne Biwaksack, bei minus zwanzig Grad. Einundvierzig Stunden nach dem Aufbruch wankte er ins Lager zurück, das Gesicht um Jahre gealtert — die Fotografie dieses Gesichts gehört zum Bildgedächtnis des Alpinismus. Es war die erste Besteigung des Nanga Parbat und bleibt die einzige Erstbesteigung eines Achttausenders im Alleingang. Für Deutschland und Österreich schloss sich ein zwanzigjähriges Kapitel aus Trauer und Besessenheit.
1970: die Rupalwand und die Brüder Messner
Der Schicksalsberg war mit Buhl nicht fertig. 1970 steht die höchste Steilwand der Erde im Mittelpunkt: die 4.500 Meter hohe Rupalwand auf der Südseite. Wieder leitet Herrligkoffer, wieder eskaliert die Dramatik. Reinhold und Günther Messner durchsteigen die Wand bis zum Gipfel — dann zwingt Günthers Erschöpfung die Brüder auf die unbekannte Diamir-Seite hinab. Im Eisbruch am Wandfuß verliert Reinhold seinen Bruder an die Lawinen. Er selbst erreicht nach Tagen, erfroren an den Zehen, das Tal. Der Streit um die Umstände — wer wen wohin schickte, was am Gipfel besprochen wurde — beschäftigte Gerichte, Bücher und zwei Länder über Jahrzehnte; erst der Fund von Günthers Überresten 2005 auf der Diamir-Seite bestätigte Reinholds Bericht. 1978 kehrte Messner zurück und durchstieg die Diamir-Flanke im kompletten Alleingang, neue Route, ohne Unterstützung: der erste Solo-Achttausender der Geschichte, wieder an diesem Berg. Die Wikipedia-Chronik listet die Details; unser Basislager-Guide zeigt beide Wandseiten aus Trekkerperspektive.
Der moderne Nanga Parbat: Winterbesteigung und ein lokaler Held
Auch die jüngste Geschichte des Berges trägt große Namen. Jahrzehntelang galt der Nanga Parbat neben dem K2 als letzte Winterfestung der Achttausender. Erst im Februar 2016 fiel sie: Simone Moro, Alex Txikon und Muhammad Ali Sadpara standen als Erste im Winter oben. Sadpara stammte aus dem Dorf Sadpara oberhalb von Skardu — ein Balti, Pakistans größter Höhenbergsteiger, in dieser Stadt kannte ihn jeder. Sein Tod am K2 im Winter 2021 hat die Region verändert; sein Name steht heute für den Stolz einer neuen Generation pakistanischer Bergsteiger, die nicht mehr nur Träger sein wollen. Wenn deutsche Gäste am Schicksalsberg von Buhl erzählen, erzählen unsere Guides von Sadpara. Beide Geschichten gehören inzwischen zusammen.
Die Märchenwiese: der Schicksalsberg für Reisende
Das eigentliche Wunder des Nanga Parbat ist, wie nah man ihm kommen kann. Die Märchenwiese — international Fairy Meadows, benannt von den deutschen Expeditionen der Dreißiger — liegt auf 3.300 Metern direkt unter der Raikot-Flanke. Kiefernwald, Holzhütten, Kühe auf der Wiese, und darüber viereinhalb Kilometer Wand. Der Zugang ist einfach: Jeepstraße ab der Raikot-Brücke am Karakorum Highway, dann zwei Stunden Fußweg. Bergsteigerei ist nicht nötig. Wer mehr will, geht den Tagestrek zum Basislager der Buhl-Route, vorbei am Denkmal für die Toten von 1934 und 1937 — ein Ort, an dem auch achtzig Jahre später Blumen liegen. Die Rupal-Seite erreicht man über das Astore-Tal, stiller und wilder. Unsere Guides zur Märchenwiese und zur besten Reisezeit planen den Besuch; die Sicherheitsfrage beantwortet ehrlich unser Beitrag Ist Pakistan sicher?

Praktisch: so kommen Sie hin
Die Anreise ist einfacher, als die Geschichte vermuten lässt. Flug nach Islamabad, dann entweder der Inlandsflug nach Gilgit beziehungsweise Skardu oder die Fahrt über den Karakorum Highway bis zur Raikot-Brücke. Beste Zeit: Mai bis Oktober, mit den klarsten Wandblicken früh morgens und im Herbst. Zwei bis drei Nächte auf der Märchenwiese sind das Minimum; wer das Basislager will, rechnet einen vollen Tag dazu. Übernachtet wird in einfachen Hütten oder Zelten — Strom gibt es stundenweise, Netz kaum, und genau das ist der Punkt. Kombinieren lässt sich der Besuch ideal mit Hunza oder Skardu; viele unserer Gäste hängen die Märchenwiese an eine Skardu-und-Hunza-Reise an.
Der Nanga Parbat, Schicksalsberg zum Anfassen: Fazit
Der Nanga Parbat ist kein Denkmal hinter Glas. Die Wiese, von der aus Buhl aufbrach, das Tal, in dem die Träger von 1934 zuhause waren, die Wand, an der sich Messners Leben entschied — all das liegt eine Flugstunde von Islamabad entfernt. Bewirtschaftet wird es von Menschen, die diese Geschichten von ihren Großvätern haben. Wenn Sie den Schicksalsberg der Deutschen mit eigenen Augen sehen wollen, führen wir Sie hin: mit einheimischen Guides, Satellitentelefon und ehrlicher Planung. Alle Treks und Touren — einheimische Hände, echte Sicherheit, fairer Preis.
Nanga Parbat Schicksalsberg: Häufige Fragen
Warum heißt der Nanga Parbat Schicksalsberg der Deutschen?
Weil sich die deutsche Bergsteigergeschichte der 1930er Jahre an ihm entschied: vier deutsche Expeditionen scheiterten mit 26 Toten vor dem ersten Gipfelerfolg, darunter die Katastrophen von 1934 und 1937. Als Hermann Buhl 1953 oben stand, schloss sich ein nationales Kapitel.
Wer bestieg den Nanga Parbat zuerst?
Hermann Buhl am 3. Juli 1953 — allein, ohne Flaschensauerstoff, nach 41 Stunden mit Biwak im Stehen. Es gilt bis heute als eine der größten Einzelleistungen der Alpingeschichte und bleibt die einzige Achttausender-Erstbesteigung im Alleingang.
Was geschah 1934 und 1937 am Nanga Parbat?
1934 starben Willy Merkl und acht Gefährten im Sturm am Silbersattel, verewigt im Sterben von Merkl, Wieland und Welzenbach sowie sechs Sherpas. 1937 begrub eine einzige Eislawine am Lager IV sieben deutsche Bergsteiger und neun Sherpas — bis heute eine der schwersten Katastrophen der Achttausender-Geschichte.
Was hat Reinhold Messner mit dem Nanga Parbat zu tun?
1970 durchstieg er mit seinem Bruder Günther die 4.500 Meter hohe Rupalwand; Günther starb beim Abstieg über die Diamir-Seite. 1978 gelang Reinhold Messner am Nanga Parbat der erste komplette Alleingang an einem Achttausender — beide Male schrieb der Berg Alpingeschichte.
Kann man den Nanga Parbat ohne Bergsteigen erleben?
Ja. Die Märchenwiese (Fairy Meadows) liegt auf 3.300 Metern direkt unter der Raikot-Flanke und ist per Jeep und zwei Stunden Fußweg erreichbar. Von dort führt ein Tagestrek zum Basislager der Buhl-Route — unsere Gruppen gehen ihn jede Saison.
Ist die Region um den Nanga Parbat sicher?
Die Täler um Fairy Meadows und Astore gehören heute zum normalen Tourismuskorridor von Gilgit-Baltistan, mit eigener Absicherung seit 2013 und einem Jahrzehnt störungsfreier Saisons. Unsere ehrliche Gesamteinschätzung steht im Beitrag „Ist Pakistan sicher?“.


